September 8th, 2008


Sex Determination e.a.II
Das lateinische Wort “interesse” bedeutet “Sein im Dazwischen”. Dieses Sein ist nicht entschieden. Es orientiert sich nicht an Zwecken, die es erreichen will. Es sieht die natürlichen Dinge nicht als Mittel zum Zweck der menschlichen Ernährung an, sondern als reine Mittel, als Mittel, die um ihrer selbst willen betrachtet und geschätzt werden. Das ist ein Impuls des “Lehrbuchs der Naturphilosophie”. Es ist auch ein Impuls der taoistischen Philosophie. So heisst es in der Abhandlung über die menschlichen Fähigkeiten von Liu Shao aus dem 3. Jahrhundert nach Chr.:
“Im Allgemeinen sind im menschlichen Charakter Ausgeglichenheit [als das Vermögen, sich ‘in der Mitte’ zu halten, zhong] und Harmonie am höchsten zu schätzen.“
So in der Mitte zu sein, so im Dazwischen zu sein, das fördert die Möglichkeit, “etwas sich ereignen zu lassen”. Dass sich etwas zwischen Mathematik, Kunst und Sex ereignet, das möchte das Journal darstellen. Das ist sein “Interesse”.
Literatur
Chen (Joseph) Cheng-Yih: “Cultural Diversities: Complementarity in Opposites“. In: Zielinski, S. und Fürlus, E. (eds.): Variantology 3. Cologne: Walther König, 2008
Butler, Judith: Das Unbehagen der Geschlechter – Gender Studies [Routledge 1990]. Frankfurt: Suhrkamp, 1991
Jullien, François: Über das Fade – eine Eloge – Zu Denken und Ästhetik in China [Arles 1991]. Berlin: Merve, 1999
Needham, Joseph: Science and Civilisation in China Vol. IV (Physics and Physical Technology), Part 1. Cambridge: Cambridge University Press, 1962
Oken, Lorenz: Lehrbuch der Naturphilosophie. Zürich: Schulthess, 1843
Röller, Nils: “Thinking with Instruments: The Example of Kant`s Compass“. In: Zielinski, S. und Fürlus, E. (eds.): Variantology 3. Cologne: Walther König, 2008
Wie kommt es aber zu Ähnlichkeiten zwischen der Lehre des Naturforschers, der in Jena, München und Zürich lehrt, und taoistischen Gedanken? Ein Grund dafür ist die Mathematik. Die Sicherheit, die ihre Logik gewährt, wird von Descartes und Kant aufgewertet. Es ist eine Sicherheit, die die Vernunft einsieht, im Unterschied zu dem Vertrauen, das der Glaube an Gott schenkt. Im Zuge dieser Entwicklung wird der substanzialistische Gottesbegriff aufgelöst. Die Aufwertung der Mathematik, insbesondere des Zählaktes, ist ein Impuls, den Okens “Lehrbuch der Naturphilosophie” nutzt.
Der andere Impuls entspringt den magnetischen Forschungen. Sie erhalten durch die elektrischen Apparaturen von Galvani und Volta vermehrt Aufmerksamkeit. Zwischen der ersten Auflage 1811 und der dritten Auflage des Lehrbuchs 1843 kommt es zu einer bahnbrechenden Entdeckung. 1819 beobachtet Oersted Wechselwirkungen zwischen Magnetismus und Elektrizität. Oken kennt diese Entdeckungen, die auch zentral für die biologische Forschung waren. Sie bestätigen seine Auffassung von der prinzipiellen Bedeutung der Polarität. Er versteht sie mathematisch als positive Setzung oder negierende Abnahme.
Bewegung, das heisst Wirklichkeit, bildet sich auf Grund von Setzungen und Negationen von Setzungen. Das bildet Oken konsequent stilistisch ab. Der Leser muss sich bei der Lektüre darin gewöhnen, dass etwas ist und auch nicht ist, so heisst es zunächst:
“Das Zero ist für sich nichts.” (§ 32) Dann folgt:
“Das Zero ist zwar die Allheit der Mathematik, aber nicht die reale, sondern die ideale.” (§ 37) Dabei gilt:
“Reales und Ideales sind eins und dasselbe,
nur unter zweierlei Formen.” (§ 36)
Tao bedeutet ursprünglich “Weg”. Man kann vom Tao lesen, dass es von Gegensätzen handelt und der Energie, die ein Gleichgewicht zwischen Gegensätzen herstellen kann, zum Beispiel der Energie, die von der Erde hinaufsteigt, und der Energie, die vom Himmel hinabsteigt. Von den Gegensätzen kann man auf das Verhältnis der Geschlechter schliessen. Das Tao bestimmt ihr Verhältnis energetisch, nicht statisch: Als Aufnahme und Abgabe von Dampf, der beim Erhitzen von Wasser entsteht, von Qi. Das Tao handelt auch von der Einheit und der Vielfalt, die aus eins, zwei und drei hervorgeht. Ein lineares Modell leitet aus dem Tao die Eins ab, aus der Eins die Zwei, aus der Zwei die Drei und aus der Drei alle Dinge.
Ein anderes Modell ist binär. Es leitet aus dem Tao ein Yin und ein Yang ab. Aus dem einen Yin entstehen Verbindungen zwischen Yin und Yang. Aus dem einem Yang entstehen Verbindungen zwischen Yang und Yin. Von Yin und Yang heisst es, dass eines Energie abgibt und eines Energie aufnimmt. Aufnahme und Abgabe von Energie sind eine Sache des Tao. Yin und Yang sind nicht männlich und weiblich, können allerdings die Rede von männlich und weiblich verändern. Das Qi, das zwischen ihnen fliesst, ist unsichtbar, es ist nicht auf Organe, Adern oder Körperteile beschränkt, es verändert jedoch die Auffassung von Körpern, von biologischem Geschlecht und von Geschlechtsidentität. Durch Qi wird denkbar, dass männlich und weiblich Pole sind.