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Joy Goswami: Zwei Gedichte

Monday, January 4th, 2021

Meine bloss blitzende Hoffnung

Auf sie ist die alte Kanone hinter den Wolken gerichtet

Langsam wendet sie zu Beginn der Nacht ihr Gesicht

 

Rotz wächst aus ihrem schwarzen Rohr, Farbe des Feuers –

Ehre, die Menschen verbrannt haben

 

Wer hört meine Worte? Ein blutverschmierter Gott!

 

Joy Goswami, Prelude, in: Selected Poems, translated from the Bengali by Sampurna Chattarji (Noida: Harperperennial, 2018, deutsch von Nils Röller), 4.

 

Auf der metallenen Oberfläche der Erde ist

Stahlgras gewachsen

 

Unter der Decke der Nacht schläft der Himmel

 

Mit dem ungelesenen Blitzbuch in seiner Hand

Läuft der Sklave davon, verliert Gefängnis über Gefängnis …

 

Joy Goswami, Prelude, in: Selected Poems, translated from the Bengali by Sampurna Chattarji (Noida: Harperperennial, 2018, deutsch von Nils Röller), 5.

 

 

Fragmente

Friday, November 20th, 2020

„Wenn man aus einem Haus des 18. Jahrhunderts in eines des 16. tritt, so stürzt man einen Zeitabhang hinab, gleich daneben steht eine Kirche der gotischen Zeit, man gerät in die Tiefe, ein paar Schritte weiter ist man in einer Strasse aus den Gründerjahren.“

Ferdinand Lion, Geschichte biologisch gesehen nach Kiening, Mittelalter*, 35 verweisend auf Walter Benjamin, Das Passagen-Werk

 

„Die Welt, von der wir doch ein Stück sind, kam uns abhanden und wurde uns in unabsehbare Ferne gerückt“

Ernst Mach, Analyse der Empfindungen nach Kiening, Mittelalter, 51

 

„Konturen … wie Pferde in der Hand“

Rainer Maria Rilke, Der Stifter nach Kiening, Mittelalter, 67

 

“Lo, I am worn with travail”

Ezra Pound, Praise of Ysolt. Das Gedicht nimmt den Ton von Rossetti Übersetzung der Vita nova Dantes auf, nach Kiening Mittelalter, 134

 

“Thus I am Dante for a space … ”

Ezra Pound, Histrion, nach  Kiening, 136

 

Szene

Ein Dichter namens Bertran „sitzt auf seiner Burg am Tisch, beschreibt Pergamentfetzen und sucht nach Reimwörtern“. Kiening, Mittelalter, 158

 

Methode

„So wie Isis den zerstückelten Körper des Osiris wieder zusammenzusetzen versucht, unternimmt er [Pound] es, die erhabenen, aber disparaten Fragmente der Vergangenheit aufzusammeln, nicht sie zu einer Einheit verfugend, wohl aber aus ihnen ein Kondensat von Kultur gewinnend: ‘the image of a new and more constructive culture for our age’. “

Kiening, Mittelalter, 154 zitierend Ezra Pound, I Gather the Limbs of Osiris

 

„Die Poesie soll nicht durch Verallgemeinerung, sondern durch Vereinzelung den Dingen naherücken“

Kiening, Mittelalter, 153

 

„Die Alternative geht dann in die … Richtung …., die musikalische Magie des Originals [der Gedichte Cavalcantis] zu bewahren: ‘to bring over the qualities of Guido’s rhythm, not line for line, but to embody in the whole of my English some trace of that power which implies the man.’“

Kiening, Mittelalter, 127 zitierend Ezra Pound, Sonnets and Ballate of Guido Cavalcanti (Boston 1912)

 

Pound versteht ein Gedicht [The Seafarer] „ als Keimzelle der nationalen Situation …:

‘English national chemical’“

Kiening, Mittelalter, 129

 

Pound bewegt sich „auf Du und Du mit den grossen Dichtern … In einem an Cavalcanti gerichteten Epilog … heisst es:

‘Dante and I are come to learn of thee’.“

 

Kiening, Mittelalter, 125 zitierend Ezra Pound, Personae (London 1909)

 

Materialität

„Er [Arnaut] gibt an, die Pergamentblätter jener Texte, die …. die Wahrheit über sein Leben mitteilen, in einem Mauerloch versteckt zu haben – und inszeniert, das sein eigenes Gedicht mit dem Zusatz Mihi pergamena deest schliesst, ein schillerndes Spiel zwischen Materialität und Referenzialität des Textes.“ Kiening, Mittelalter, 138 referierend Ezra Pounds  Gedicht Marvoil. Es nimmt Bezug auf das Leben des Trobador Arnaut de Mareuil.

 

Spekulationen

Den Zeitpunkt anzugeben, an dem die Vorstellung von der Renaissance prominent wurde, ist eine Herausforderung. Sie stellt das Problem, wie Epochen gegliedert werden. Die Grenze, an der sich eine Epoche wie das Mittelalter von einer anderen wie der Renaissance klar unterscheiden lässt, ist schwer zu bestimmen. Das ist analog zu der Spekulation darüber, ob ein Punkt auf einer Linie zu einem Teilstück oder zu einem anderen Teilstück gehört. Das Verhältnis der modernen Dichtung zum Mittelalter betrifft das insofern, als es ein Verhältnis des Unterbruchs, des Abstands ist. Der Punkt, an dem der Bruch einsetzt, ist die Renaissance. Sie liegt zwischen Moderne und Mittelalter. Dabei ist die Setzung des Zeitpunktes, die Urheberschaft der Vorstellung von der Renaissance das benannte Problem: „Nur bedingt lässt sich also Jacob Burckhardt selbst als Urheber der Umwertung zwischen Mittelalter und Renaissance einstufen. Wohl aber wurde er deren Ahnherr, sahen doch die Zeitgenossen, als sie mit einigen Jahrzehnten Verzögerung sein Buch zum Kultbuch erhoben, den ‘eigentümlichen modernen Geist’ vor allem verkörpert im Gedanken der Individualität und des Auseinandertretens von Subjekt und Objekt.“ Kiening, Mittellalter, 24. Burckhardts Buch Die Cultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch erscheint 1860 in Basel.

 

*Christian Kiening, Das Mittelalter der Moderne – Rilke-Pound-Borchardt (Göttingen: Wallstein, 2014)

 

Sampurna Chattarji zu Judith Albert, deutsche Worte von Nils Röller

Sunday, October 4th, 2020

Haut berühren

heisst

Draht 

als das zu zeigen, was er ist –

ein schmaler Anspruch

 

Fluoreszieren

  der sterblichen Spule

 

der Hand, die mutig ist,

 

den Brand in fassbare Gefahr

zu wickeln

 

Zum Post 

Judith Albert in diesem  Journal ( Saturday, October 8th, 2011)

 

Saturday, May 30th, 2020

Diese Flecken

such ich wieder,

Worte setzt ich

mehrmals mir als

Zeichen:   Marke

König von Cornwall.

 

Saturday, May 30th, 2020

Notes

chew

Words again.

Saturday, May 30th, 2020

Notate

kauen

Worte wieder

Joy Goswani: Prelude – Salute to Niels Bohr

Friday, March 27th, 2020

It is an immense poem. Its root-rhythm, tree.
Ein unermessliches Gedicht. Sein Wurzel-Rhythmus, Baum.

Sacrificial blood on its leaves, it too is leaf.
Opferblut auf seinen Blättern, selbst ist es auch Blatt.

It is a mighty dance. Its root the huge dry
Es ist ein mächtiger Tanz. Seine Wurzel, die gross-trocken
Outstretched hand of the earth underfoot.
ausgestreckte Hand der Erde unter unseren Füssen.

*Springt die Nemo-Marke-Welt an. Nemo-Niemand wegen der niederen Lebewesen, wegen der Nautilus-Formen im Boden, Marke wegen kühl-britischen Küstenluft und dem unterirdischen Teilchenbeschleuniger mit dem Namen Isolde

It is so many seas. Its primal face in the water.
Es besteht aus so vielen Meeren. Sein Urgesicht ist Wasser.
Soaking up the lower depths it raises mountains –
Aus niederen Tiefen saugend hebt es Berge –
The wilder its expanse – the more it is flight
Je wilder die Ausdehnung – desto mehr wird’s zum Flug
Of grazing flocks – the more it loses the shepherds.
Streifender Herden – desto mehr verliert es die Schafhirten.

It is an finite metre. It is root-tree, dance.
Es ist ein endliches Mass. Es ist Wurzel-Baum, Tanz.
Yet, tree, you are ash in so many forests
Gerade, Baum, bist Du Asche in so vielen Wäldern
I chase the ash – I catch it – I break that poem
Ich jage der Asche nach – ich fasse sie – ich breche dieses Gedicht.
And find the whirling atom!
Und finde das wirbelnde Atom!
Ein unermessliches Gedicht. Joy Goswami
[Salute to Niels Bohr, 1913)]

Übersetzung und * von Nils Röller

Joy Goswami, Selected Poems, translated from the Bengali by Sampurna Chattarji (Noida: Harperperennial, 2018)

 

Nils Röller zur blühenden allmaterie von Gustav Sjöberg I

Monday, March 16th, 2020

Formen

— bildeten historisch Verbindungen zum Kosmos (Sterne)

— schaffen Zugänge zu dem Bündel, Geflecht, das  Gegenwart sein kann

– bilden künftig Interfaces zu Apparaten, künstlichen Intelligenzen.

Das verknüpfe ich mit einer Diskussion:

« nicht nur, dass jedes einzelne gedicht oder jeder einzelne text sein eigenes mass hat, sondern auch, dass dieses mass seinerseits immerwährender veränderung unterworfen ist. jede form ist nicht nur anders als alle anderen formen, sondern auch anders als sie selbst». Gustav Sjöberg, «zu der blühenden allmaterie», in: Schreibheft 91, S.22.

 

Diskutieren möchte ich,

wie Masse und Formen sich zur Materie verhalten,

wenn die Materie blüht,

wenn sie konsensuell erfasst wird,

wenn mit ihr etwas geschieht,

sie eben nicht von aussen betrachtet, gemessen oder wie ein Lehmklumpen geformt wird:

zum Beispiel dieser Text

— eine Eidechse berücksichtigt, verendend zwischen den Treppenstufen

— eine Katze, die über Strasse huscht und mit einem Satz zwischen den spitzen Stangen des Zauns einen Sprungplatz in den nahegelegenen Garten findet

– eine Krankenhelferin, die auf dem Gehsteig Red bull trinkt und ihre Atemluft mit einer E-Zigarette durchmischt.

 

 

Monday, February 24th, 2020

Ein Buch ist unmöglich

Ein Bild ist unmöglich

Ein Zeichen ist unmöglich

                                               Möglichkeit; –

 

unmögliche Wege (im Plural) suchen, ein Verständnis von Möglichkeit suchen, das Kritik ist an der Realität, wie sie erscheint, Kritik: An dem Verständnis von Möglichkeit, das sich bloss an die Realisierbarkeit anschmiegt, ihr untergeordnet wird. Möglichkeit als Kritik kann nicht auf Bücher, Bilder, Zeichen (plural) verzichten. Die Unmöglichkeit des einen Buchs, Bilds, Zeichens ermuntert.

 

 

 

Zu Ahmet Altan: Ich werde die Welt nie wiedersehen – Texte aus dem Gefängnis (Frankfurt/M: Fischer, 2018))

Wednesday, December 4th, 2019

Der Fussboden in der Dusche des Gefängnisses, in dem Altan festgehalten wird, ist völlig verdreckt. Wer kann, der duscht in Socken, schwierig, mit den nassen Socken die trockenen Hosen anzuziehen. Unrat, Schleim, Bakterienherd, Brutstätte, Desinfektionsherd. Die Verwaltung lässt die Bakterien wuchern, tödlicher Wald, den die Inhaftierten passieren müssen. Säuberung wäre möglich, sie einzufordern nicht möglich. (Nils Röller, Limmatkapsel II, in: Mütze 25)