Author Archive

Mit Steinen reden

Monday, December 5th, 2016

I In China dienten Gelehrtensteine über Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende ihrem Sammler als stummes Echo für seinen inneren Dialog.

I Goethe fühlte sich auf einer Reise plötzlich angeblickt, ja angesprochen von einem im Straßenschmutz liegenden Kristall, worauf er sofort begann, mit dem Stein zu sprechen, um zu erfahren, wie jener an diesen unerwarteten Ort gekommen sei.* Goethe sah in der Beobachtung von Steinen den Zugang zum Ursprung aller Gestalt, zur „Urgestaltung“, und versuchte deshalb die Gesteinsformationen zu entziffern** und, wie Andrea Gnam es ausdrückt, auf die leise „Stimme“ der Natur zu hören.*** (more…)

Steinzeit: Gelehrtensteine

Monday, November 21st, 2016

rba_d038529_01

Ning Fucheng (1897-1966), Felsen mit Kalligraphie in Kanzleischrift, Hängerolle, Tusche auf Papier, 137 x 67,5 cm, datiert 1965, Museum für Ostasiatische Kunst, Foto © Rheinisches Bildarchiv Köln, Sabrina Walz, 06.11.2015, rba_d038529_01, www.kulturelles-erbe-koeln.de/documents/obj/05080652

“Dinge wie Steine sind recht kompliziert zu malen. So sollen diejenigen, die zu malen anfangen, wissen, dass es Steine in der Form von Schwertern, Wolken oder [runden] Bohnen gibt und ihre [Strukturen] ungeordnetem Brennholz, Axthieben, klarer Jade oder faltigen Blättern ähneln. Den Malern sind sie bis heute so geläufig, daran hat sich nichts geändert. [Neulich] kam ich zufällig an einem Antiquitätenladen vorbei und erspähte ein Eisenbild (tiehua). [1] Es war von so feiner und altertümlicher Eleganz, dass sie kein [gewöhnlicher] Handwerker gefertigt haben konnte. Als ich wieder zuhause war, ahmte ich einen Stein in nasser Tusche und schräger Pinselhaltung in der Art der Siegel- und Kanzleischrift nach. Auch ohne die komplizierten Pinselstriche, Pünktelungen und Lavierungen hat er eine so erhabene und kraftvolle Aura, dass er, selbst wenn man ihn zudeckte, noch klänge. Man kann dies als das Beschreiten eines neuen Weges bezeichnen. Wie wäre es, wenn andere Experten dieses Phänomen aufgriffen? Im zehnten Monat des Jahres 1965 von Ning Fucheng gemalt.”

In China glaubte man, dass die Essenz der Erde die Steine hervorbringe. Deshalb nannte man sie traditionsgemäß Kerne der ‘Lebensenergie’ (qi) oder Knochen der Erde. Insbesondere bizarr und phantastisch geformte Felsen betrachteten die Literaten als Miniaturabbilder des Universums bzw. als Mikrokosmos im Makrokosmos. Sie stellten diese Gelehrtensteine in ihrem Studio auf und schätzten sie wie Kunstwerke. Für Kenner waren die Struktur (wen), Gestalt (xing), Farbe (se) und der Klang (sheng) ästhetische Kriterien eines Steines. So entstanden seit der Tang-Dynastie bestimmte Termini zur Beschreibung der Eigenschaften eines Steins, z. B. die Charakterisierung dünn (shou), leicht (tou), löchrig (Iou) und porös (zhou). Später kamen weitere geschätzte ästhetische Merkmale hinzu, darunter der Terminus altertümlich (gu) und kultiviert-elegant (wenya).

Steine wurden auch in Gärten aufgestellt. Beliebte Exemplare waren darunter die Taihu-Felsen mit ihren dramatisch gestalteten, großen Höhlungen. Als ideale Elemente des Gelehrtengartens wurden sie seit der Tang Dynastie aus dem ‘Großen See’ (Taihu) in der Provinz Jiangsu in die Städte transportiert.

In der Malerei erscheinen die Felsen normalerweise eingebettet in eine Garten- oder Landschaftsszenerie. Steine wurden aber auch aus dem natürlichen Umfeld herausgelöst und isoliert dargestellt. Relativ prominent inszenierte Felsen, meist mit ein paar Bambusstauden oder einem Büschel Gras kombiniert, wurden seit der Yuan-Zeit, insbesondere durch Wu Zhen (1280-1354), populär. Mit der Verbreitung einer verfeinerten Literatenkultur zu Ende der Ming-Zeit wurde das Sammeln von Gelehrtensteinen Mode. Im 17. Jh. wurden einzelne Steine auch zum Hauptmotiv einer Malerei.

Ning Fuchengs Bilder [aus der 2. Hälfte des 20. Jhd.] sind als Stein-Porträts zu bezeichnen, in denen sich die vitale Energie des Steins mit der künstlerischen Lebenskraft über das Medium von Pinsel und Finger bildhaft verbinden.[1] Mit tiehua bezeichnet man eine chinesische Handwerkskunst, bei der aus Eisenbändern Bilder mit Landschaften oder Vögeln und Blumen geformt werden. Diese Kunst wandte man vor allem für den Dekor von Steilschirmen an. Der Kunstschmied Tang Peng im 17. Jahrhundert wird traditionell als der Gründer dieses Kunsthandwerks angesehen.Aus: Den Himmel in der Pinselspitze. Chinesische Malerei des 20. Jahrhunderts im Museum für Ostasiatische Kunst Köln. Text und Konzeption von Joohyun Lee. Red. und Lektorat: Clarissa von Spee. Heidelberg: Kerber, 2005, S. 62-67

Steinzeit: Jacques Derrida „Gesetzeskraft“

Monday, November 7th, 2016

„In dem Raum, dem ich diese Bemerkungen zuordne oder in dem ich diesen Diskurs wiederherstelle, sagt man nicht, dass einem Tier Unrecht oder Gewalt angetan wird; noch weniger redet man von Gewalt und Ungerechtigkeit im Hinblick auf Pflanzen und Steine. Man kann ein Tier quälen, man kann es leiden lassen; niemals wird man jedoch im eigentlichen Sinne behaupten, dass es sich um ein Subjekt handelt, dem man Schaden zugefügt hat, um das Opfer einer Gewalttat, eines gewaltsamen Todes, einer Vergewaltigung oder eines Raubs, eines Meineids; a fortiori gilt, wie man glaubt, dass so auch nicht über Pflanzen und Mineralien (oder über dazwischenliegende Arten wie den Schwamm) reden kann.“

Jacques Derrida, Gesetzeskraft – »Der mystische Grund der Autorität«, Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1991, S. 37

Thomas Raab – Steinzeit

Monday, October 10th, 2016

Raab_Thomas

Thomas Raab, Steno! (für Nils), 2016

Steinzeit: Von bezeichnenden Steinen IV: Der Engellhafte Stein

Sunday, July 24th, 2016

4. „Zuletzt, wenn wir auf den Engellhaften Stein zu sprechen kommen, er ist so subtill, sagte der besagte Autor, dass er weder gesehen, gefühlt noch gewogen, sondern nur geschmeckt werden kann. Die Menschliche Stimme (die einige verwandte Eigenschaften mit diesen subtillen Eigenschaften teilt,) reicht im Vergleich nicht an ihn heran; Nicht einmal die Luft selbst ist so durchlässig, und ja (Oh mysteriöses Wunder!) Ein Stein, der im ewigen Feuer lagert, ohne Beeinträchtigung. Er hat eine Göttliche Kraft, Himmllisch und Unsichtbar, überlegen, und stattet seinen Besitzer mit Göttlichen Gaben aus. Er erlaubt das Erscheinen der Engell, und verleiht die Kraft, mit ihnen zu sprechen, durch Träume und Offenbarungen, nie darf irgendein Teuflischer Geist es wagen, sich dem Platz zu nähern, an dem er lagert. Denn er ist eine Quintessenz, in der es kein korruptes Ding gibt: und wo die Elemente nicht korrupt sind, kann kein Teufell bestehen oder wohnen.

S. Dunston nennt ihn Engelsnahrung, und von anderen wird er bezeichnet als Himmlisches Viaticum; Der Lebensbaum, und [er] ist unbezweifelbar (gleich unter GOTT) der wahre Alchochodon, oder Jahresgeber; denn durch ihn wird der Menschliche Körper vor Korruption bewahrt, wobei er dazu befähigt wird, lange Zeit ohne Nahrung zu überleben; nein, es ist sogar die Frage gestellt worden, ob ein Mann, der ihn benutzt, überhaupt Sterben kann.“

Gerrit Lansing / Elias Ashmole / Übersetzung: Marina Sawall

Steinzeit: Von bezeichnenden Steinen III: Der Magische Stein

Saturday, July 23rd, 2016

3. Mit dem Magischen oder Prospektiven Stein ist es möglich, jede Person in jedem Teil der Welt zu entdecken, sie kann sich nie gut genug verbergen oder verstecken; in Kammern, Schränken oder Erdhöhlen: denn er führt eine strikte Inquisition durch. Kurz gesagt, präsentiert er dem Blick sogar die ganze Welt, in der Ihr erblicken, hören oder sehen könnt, was ihr euch wünscht. Mehr noch befähigt Er Menschen, die Sprache der Tiere zu verstehen, wie das Zwitschern der Vögel, das Brüllen der wilden Tiere etc. Um einen Geist in ein Bild zu überführen, das durch Beobachten der Einflüsse Himmlischer Körper zu einem wahrhaften Orakel wird: Und doch ist dies, wie Euch E.A. versichert, in keiner Weise Geisterbeschwörendd, oder Teuflisch; sondern einfach, auf wundersame Weise einfach, Natürlich und Ehrlich.

Gerrit Lansing / Elias Ashmole / Übersetzung: Marina Sawall

Steinzeit: Von bezeichnenden Steinen II: Der Vegetabile Stein

Friday, July 22nd, 2016

2. … „durch den Vegetabilen kann man die Natur des Menschen, der wilden Tiere, der Vögel, der Fische zusammen mit allen Arten von Bäumen, Pflanzen, Blumen etc. perfekt verstehen, genauso die Art und Weise, wie man sie dazu bringt, zu wachsen, zu blühen und Früchte zu tragen; wie man ihren Geschmack und Geruch verbessert, und wann und wo wir es uns wünschen, und all das nicht nur in einem einzigen Moment, Experimenti gratis, sondern Täglich, Monatelich, Jährlich, zu jeder Zeit; ja, in der Tiefe des Winters.“

Vom Vegetabilen Stein „wird der männliche Teil … aufgebracht zu einer solaren Qualität, und durch seine extreme Hitze wird er jede Kreatur, jede Pflanze verbrennen und zerstören. Das, was an ihm Lunar und Feminin ist, wird jene (bei sofortiger Anwendung) mit seiner Kälte mildern und in der Art und Weise betäubt und festigt die Lunare Qualität jedes Animallische etc. so lange, bis ihm direkt von jener der Sonne geholfen und es erlöst wird; auch wenn beide aus einer Natürlichen Substanz gemacht sind; sie haben doch gegenteilige Qualitäten: nichtsdestotrotz gibt es solch eine natürliche Assistenz zwischen ihnen, dass das, was die eine nicht tun kann, die andere der beiden kann, und ausführen wird.
Ihre inneren Tugenden übertreffen auch nicht ihre äußerlichen Schönheiten; denn der Solare Teil ist von solch strahlendem transparentem Glanz, dass das Menschliche Auge es kaum auszuhalten vermag; und wenn der Lunare [Teil] draußen in einer dunklen Nacht ausgesetzt wird, werden Vögel von ihm angezogen (und umrunden ihn) wie die Fliege eine Kerze, und sie begeben sich in die Gefangenschaft der Hand: Und das veranlasst mich dazu, zu glauben, dass der Stein, den der alte Eremit (er war damals 140 Jahre alt) aus der Wand seiner Zelle genommen hat, und bezeugt von Cornelius Gallus , Anno 1602, vom Wesen dieses Vegetabilen Steins gewesen ist: Denn (öffnete man seine Goldene Schachtel, in der eingeschlossen war) verteilte er seine Strahlen im ganzen Raume, und das mit so großer Herrlichkeit, dass er das Licht überstrahlte, das darin entzündet war; zudem lehnte der Eremit es ab, ihn auf Metall (als dessen unwürdig) zu projizieren, führte aber sein Experiment an mit Ehrenpreis und Weinraute durch.

Anm. d. Übers.: Mit Cornelius Gallus ist nicht der römische Dichter (70 v. Chr.–27/26 v. Chr.) gemeint, sondern der Niederländer Frederick Gallus. Ashmole (1617-1692) verweist hier auf dessen Bericht über seinen Besuch der Klause von St. Michael (im Thüringer Wald oder in Tirol?) im Jahr 1602 (oder 1603), siehe Stanton J. Linden: The Alchemy Reader: From Hermes Trismegistus to Isaac Newton. Cambridge/New York: Cambridge Univ. Press, 2003, S. 228, FN 19; weitere Literaturhinweise in: Christian Mouchel/Colette Nativel [Hg.]: République des Lettres, République des Arts. Mélanges offerts à Marc Fumaroli, de l’Académie Française. Genf: Librairie Droz, 2008, S. 107, FN 20.

Gerrit Lansing / Elias Ashmole / Übersetzung: Marina Sawall nach Gerrit Lansing, “Of Signifying Stones”, in: Heavenly Tree, Northern Earth (Berkeley: North Atlantic Books, 2009)

Steinzeit: Von bezeichnenden Steinen I: Der Minerallische Stein

Thursday, July 21st, 2016

Es gibt vier philosophische Steine, über die Elias Ashmole im Vorwort zu seiner Anthologie Theatrum Chemicum Brittannicum schreibt, den Minerallischen Stein, den Vegetabilen, den Magischen und den Engellhaften.

1. der Minerallische, „der, der aufgebracht wird nur [bis] zu dem Grad, der die Kraft hat, jedwede Imperfekte Erdige Materie in ihren größtmöglichen Grad an Perfektion zu Verwandeln.“

Anm. d. Übers.:
Lansings Schreibweise des Titels von Ashmoles Werk weicht leicht vom Original ab. Gemeint ist: Elias Ashmole: Theatrum Chemicum Britannicum. London: J. Grismond for Nathan Brooke, 1652 (Repr. Hildesheim: Georg Olms, 1968).

Gerrit Lansing / Elias Ashmole / Übersetzung: Marina Sawall

Steinzeit

Monday, July 18th, 2016

I Steine ziehen Menschen an, die Steine sammeln und mit sich tragen.
I Talismansteinmenschen
I Von einem regelrechten Menschenmagnet erzählt eine Sage aus dem Steinbuch des Aristoteles. Die erste Fassung des Steinbuchs des Aristoteles entsteht vermutlich um 850 nach Chr., tausend Jahre nach dem Tod des angegebenen Autors. Die erste Schicht bilden Texte, die vermutlich im achten Jahrhundert nach Christus von jüdischen und arabischen Ärzten verfasst worden sind. Die Zahl der Magnete, die im Steinbuch erwähnt werden, nimmt mit den Jahrhunderten, in denen das Buch von anonym bleibenden Verfassern erweitert wird, zu.
Julius Ruska, der 1911 darüber eine Habilitationsschrift veröffentlicht, findet in dem Buch Eisenmagnete, Gold-, Silber-, Kupfer-, Blei-, Haar- und Fleischmagnete, einen Stein, der Wasser anzieht, einen, der Fische um sich sammelt, und einen Menschenmagneten. Der Menschenmagnet zieht Soldaten, die eine Stadtmauer erklimmen, an und lässt sie nicht mehr zu ihrem Heer zurückkehren.
I Ruska erwähnt auch den Alexanderroman, ein Buch, an dem Menschen ebenfalls über Jahrhunderte gearbeitet haben; ein Buch, das Berichte über Steine anzog.
I Ich bin „angezogen“ von Gerrit Lansings Text, der „angezogen“ ist von Elias Ashmole. Gerrit Lansing schreibt:
„Es gibt vier philosophische Steine, über die Elias Ashmole im Vorwort zu seiner Anthologie Theatrum Chemicum Brittannicum[1] schreibt, den Minerallischen Stein, den Vegetabilen, den Magischen und den Engellhaften.“

[1] Die Schreibweise des Titels weicht leicht vom Original ab. Gemeint ist: Elias Ashmole: Theatrum Chemicum Britannicum. London: J. Grismond for Nathan Brooke, 1652 (Repr. Hildesheim: Georg Olms, 1968).

Steinzeit

Monday, June 27th, 2016

HONIG AUS DEM STEIN
 
Meine Liebe hält sich ans Flüssigsein
wie ans Statut, eine Fabel,
Stein dessen, was uns eindrückt in das Zittern des Dortseins, wo wir sind.
 
Hält
sich an die Wechsel des Lichts
hält
sich an die Quelle und einen Wasserhaufen bringt sie ein, Schrott
der Nacht und der Blumen, trägt sie hinaus.
Süße Flagge der Morgenröte,
unsere Integritäten sind alles, was wir erreichen können,
ihre Pfähle.
 
Leben saugt sich selbst zum Leben in Granny Days Sumpf
während ich auf dich warte
und du auf mich,
und der Ochsenfroschgesang
den gemeinsamen Frühling umgibt.
 
Regen füllt die Teiche,
 
ich kann meine Liebe nicht erklären
aber
sie hält sich ans Flüssigsein, während ich mir vorstelle, dich zu halten.
 
Gerrit Lansing / Übersetzung: Marina Sawall und Sophie Duvernoy